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Am Frauenfrühstück war die blinde Autorin Yvonn Scherrer zu Gast

Mit den Händen sehen

Die Radiojournalistin und Buchautorin Yvonn Scherrer ist von klein auf blind. Am «Frauezmorge» erzählte sie, wie der Tastsinn fehlendes Augenlicht kompensieren kann. Und sie ging auf Fragen des Publikums ein, wie sie den Alltag bewältige.

Wurde die kleine Yvonn in der Schule gehänselt wegen ihrem fehlenden Augenlicht, gab ihr die Mutter Trost. Sie riet ihrer blinden Tochter, den Tastsinn zu nutzen. «Denk dran, du hast nicht nur zwei, sondern zehn Fingeraugen.» Diese Worte hätten ihr Welten aufgetan und sie stark gemacht.

Das Referat der Radiojournalistin und Autorin Yvonn Scherrer am Frauenfrühstückstreff war wie immer ein gut besuchter und perfekt organisierter Anlass: Zum Auftakt wurde gefrühstückt an hübsch gedeckten Tischen. Die Dekoration in Violett und Weiss war dem frostigen Wetter angepasst. Die regen Gespräche verstummten, als die Referentin ihr Mikrofon zurechtrückte. Sie sprach zum Thema des Morgens «Nicht anfassen, nur anschauen». Zu Füssen döste ihr Blindenhund Aslan unbeteiligt vor sich hin. Während einer Stunde senkte sich eine fast andächtige Stille über den Saal der Kirche St. Franziskus in Ebmatingen. Die Radiojournalistin Scherrer ist eine humorvolle, packende und eindringliche Rednerin.

Oberflächliche Welt der Sehenden

Die blinde Frau hantierte problemlos mit der Technik. Ihr Lesegerät ist ein Minicomputer, der jeweils eine Textzeile in Blindenschrift anzeigt. Sie sauste über die Schrift. Und blickte die Referentin in die Runde, war kaum zu glauben, dass sie Glasaugen hat und niemanden sehen konnte.

Scherrers Referat zeigte, wie oberflächlich die Welt der Sehenden eigentlich ist und was einem beim «nur» Anschauen alles entgehen kann. In angenehmen Berndeutsch beschrieb die muntere Frau die Intensität des langsamen Tastens und Berührens. Als Beispiel nahm sie einen Apfel und zählte auf, was sie alles darin «lesen» kann. Ihr Buch zum Thema Hände lag im Anschluss des Vortrages zum Verkauf auf.

Scherrers Aufforderung an alle, sich kurz zurückzubesinnen, was sie als Kind nicht berühren durften, liess nachdenklich werden. Sind es Tiere, das Werkzeug des Vaters, zerbrechliche Dinge? Unzählige Verbote an Kinder. «Doch ohne Hände, das wäre ein Mist», sagte sie lachend. Ohne Hände könne sie selber auch keinen Vortrag halten.

Berühren ja – aber respektvoll

Berührungen seien immens wichtig, aber Grenzen würden auch oft überschritten. Sie erfahre immer wieder, dass Leute ihren Hund Aslan berührten, ohne zu fragen. Sogar wenn er im Arbeitsgeschirr sei.

Das Publikum stellte einige Fragen zum Alltag als Blinde. Nun ja, man brauche viel Selbstvertrauen, erläuterte Scherrer, und müsse sich nicht scheuen, auf die Menschen zuzugehen, um Hilfe einzufordern. «Doch es wird schwieriger, unterwegs zu sein», meinte sie. «Heute muss ich den Menschen ausweichen.» Ihr Hund sei darauf trainiert. «Die Leute schauen nur noch auf ihre Smartphones.» Scherrer sagte es erstaunlich gelassen. Manchmal rede sie laut mit Aslan, dann sage sie etwa: «Ich muss nach Bern und weiss nicht, wie ich den Weg finde.» Meistens werde jemand aufmerksam und helfe ihr weiter.

Nicht dunkel, wenn sie die Augen schliesst

«Mit sieben Monaten wurde bei mir ein Tumor operiert, und seither bin ich blind», ging sie auf eine entsprechende Frage ein. «Doch ich habe Bilder, auch Farben, und es ist nicht dunkel, wie es für Sie ist, wenn Sie die Augen schliessen.» Dann wird die hübsche, gepflegte Frau gefragt, wie sie sich schminke und ihre Kleider aussuche? Ihre Mutter habe es ihr beigebracht und manchmal brauche sie Unterstützung in der Farbenzusammenstellung. Schöne Stoffe möge sie sehr. Dann sagt sie mit entwaffnender Selbstironie: «Und ich hoffe doch schwer, dass ich es im Griff habe!»

Text: Elsbeth Stucky

Bildlegende:
Yvonn Scherrer mit ihrem Begleiter Aslan.                                                  
Bild: Elsbeth Stucky

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