Rubrik: News

Kiss my Lips!

Anni und Heinz Lips retten tausenden Amphibien das Leben

Von Dörte Welti

Würden Sie glibbrige Frösche, Molche und Kröten anfassen, sie eimerweise transportieren? Ehepaar Lips tut es mit Selbstverständlichkeit und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität in unserer Gemeinde.

 

«Ein Rekordtag!», strahlt Anni Lips und zeigt in einen Eimer. Dort drin glibbert und wabert und wuselt es. Unzählige Amphibien, alle auf einem Haufen ...

Sobald die Temperaturen über den Gefrierpunkt steigen, das Wetter feuchtfröhlich wird und die Tage länger, machen sich Frösche auf den Weg, begleitet von Molchen und Kröten.

Die Tierchen haben im Wald überwintert, ihre Route Jahr für Jahr: vom Waldgebiet am Platten und Wölferen hinunter an die Zürichstrasse, von dort hinab zu einem Biotop auf einem Privatgrundstück. Die Natur ruft, die Frösche sind im Jahr zuvor genau in diesem Biotop geschlüpft oder haben ihren Laich dort abgelegt und kommen jetzt zurück. Sie hüpfen alle miteinander los, auf einige wenige Tage verteilt.

Damit die Amphibien auf ihrer Wanderung aufgehalten werden und nicht einfach ungehindert auf die stark befahrene Zürichstrasse hüpfen, säumen hier in einem Waldabschnitt Richtung Maur grüne Absperrbänder den ­Stras­senrand. Es ist ein Abschnitt, bergwärts, von gut 200 Metern bis zur Einfahrt der Strasse zum Schützenhaus.

 

Am Ende wartet der Eimer

Das Tiefbauamt spannt jeweils diese Planen, an deren Verlauf acht Eimer eingelassen sind. Beginnen die Tiere zu wandern, stossen sie auf die Absperrung, kriechen dann der Plane entlang, bis sie in einen solchen, offen stehenden Eimer plumpsen. Das passiert in der Regel nachts. Ab halb acht Uhr morgens kommen dann Freiwillige wie das Ehepaar Lips, welche die Eimer täglich herausnehmen, ausleeren und die Tiere zählen. Viele Frösche und Kröten zählen doppelt, weil zu diesem Zeitpunkt die Männchen schon festgeklammert auf dem Rücken der Weibchen unterwegs sind (Hut ab, Frau Frosch und Frau Kröte, eine fitte Leistung mit so viel zusätzlichem Ballast!)

 

Aus Liebe zur Natur

Seit acht Jahren organisiert Anni Lips zusammen mit ihrem Mann Heinz für die Amphibien den sicheren Weg zu den Laichgründen, der von der stark befahrenen Zürichstrasse beschnitten wird. Und damit die auf Fortpflanzung programmierten Tiere nicht plattgefahren werden, hat man sich diese Prozedur einfallen lassen. «Unsere Vorgängerin hat dies ins Leben gerufen», erzählt Heinz Lips, «Rosette Chaudhuri, Obfrau des Natur- und Vogelschutzvereins Maur-Zumikon, bemerkte eines Nachts die Tiere auf der Strasse. Sie organisierte die Rettung fünf Jahre lang, suchte dann Nachfolger. Wir sind im selben Verein und sagten zu, aus Liebe zur Natur».

Heute sind es insgesamt neun Personen, die sich turnusmässig abwechseln bei der morgendlichen Eimerkontrolle. Zwei bis drei Wochen dauert der Zug der Tiere in der Regel. Nur einmal, im Jahr 2014, dauerte er ganze vier Wochen. Der Rapport von jedem Tag wird am Ende der Aktion der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz gemeldet. Die Statistik zeigt: Seit Lips’ im Jahr 2010 begonnen haben, hat sich die Zahl der Erdkröten, Grasfrösche und Bergmolche fast verzehnfacht, 1226 Tiere im Jahr  2017! Ein Ergebnis, das auch dank bisher zweimaliger Verlängerung des temporären Zauns möglich geworden ist. So ein Rekordtag wie dieser lässt vermuten, dass in diesem Jahr wieder eine erneute Steigerung zu verzeichnen sein wird.

 

Fressen und gefressen werden

Laut Protokoll sind an diesem Tag innert einer Stunde 4 Erdkröten, 234 Grasfrösche und 64 Molche dem potentiellen Tod durch Überfahren entkommen. Sie werden nach dem Zählen ennet der Strasse freigelassen und können nun ungehindert bis zum Biotop gelangen. Dort allerdings warten Reiher und Bussard auf ihr Frühstück ... so ist halt der Kreislauf des Lebens. Aber ein Blick in die wunderschön angelegten Teiche zeigt: Es sind Tausende von Froscheiern am Heranreifen. Die Kaulquappen werden nach wenigen Tagen schlüpfen, wachsen, das Areal bevölkern, die Abendluft mit Froschkonzerten bereichern und irgendwann im September werden sie ihre individuellen Reisen in die Winterquartiere antreten. Warum einige den weiten Weg nach oben in den Wald auf sich nehmen, weiss man nicht, viele bleiben auch in der Nähe des Biotops, wo die Eigentümerin Frau Dinglinger genügend Überwinterungsmöglichkeiten für sie angelegt hat. Die Maurmer haben eben für alle Bewohner ein ganz grosses Herz!

 


Bildunterschriften:

 

«Eine ganz besonders hübsche Kröte!», sagten die Amphibien-Freunde entzückt über dieses Exemplar.      Bild: Dörte Welti

 

Heinz und Anni Lips haben sich acht Jahre lang für die Amphibien engagiert. In ihren Sammeleimern wuseln bis zu 70 Amphibien herum. Sie überstehen eine Nacht im Massenquartier aber bestens, sind beim Auszählen noch leicht irritiert und hüpfen dann in grossen Sprüngen von dannen. Das ersehnte Ziel: das hübsche Biotop auf der anderen Seite der Strasse.   Bilder: Dörte Welti

 

 

Was Sie zum Schutz der Amphibien beitragen können

 

• Fahren Sie vorsichtig und langsam, wenn Ende Winter die Planen gespannt sind oder wenn Sie sehen, dass die Helfer (die alle gut sichtbare Warnwesten tragen) am Werk sind.

• Keinen Müll an den Strassenrand werfen, er behindert die Wanderung der Tiere und schadet der Natur ganz allgemein.

• Helfen Sie mit: Dieses Jahr war der letzte Einsatz des Ehepaars Lips. Mit Petra Lohmann, Veterinärin für Reptilien und Amphibien, ist eine Nachfolge gefunden, aber sie kann zusätzliche Hilfe brauchen. Es ist eine sehr dankbare Aufgabe in freier Natur (Kontakt zu Petra Lohmann über http://nvvmaur.birdlife.ch)

• Die Naturschützer haben einen grossen Wunsch an die Gemeinde: den Bau eines Tunnels für die Tiere, welcher die alljährliche Prozedur erübrigen würde.

 

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