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Schuhbidu - ein Sensationsfund!

Erfolg der Archäologietaucher bei der Schifflände Maur

Von Dörte Welti

Archäologietaucher haben an der Schiff­lände in Maur mehrere Schuhe und Textilien der einstigen Pfahlbauer gefunden. Die Fundstücke sind rund 5000 Jahre alt!

 

Es ist eine Sensation, welche die Kantonsarchäologie in einer relativ kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am 27. März vormittags in ihren Räumlichkeiten in Dübendorf verkünden kann. «Die Ereignisse überschlagen sich», freut sich Projektleiter Adrian Huber: «Als wir die Medien zur Konferenz einluden, gingen wir davon aus, einen einzigen, etwa 5000 Jahre alten Schuh gefunden zu haben. Inzwischen haben wir aber mindestens sechs weitere Schuhe und Schuhfragmente gefunden und freigelegt!» Darüber hinaus machten die Taucher diverse Funde, die Aufschluss über die textile Kultur der damaligen Bevölkerung geben können.

 

Bast und Lein

Die Schuhe bzw. das, was die Zeit davon übrig gelassen hat, sind aus Bast geflochten. «Es handelt sich dabei um Bast aus der Unterrinde der Linde», erklärt der Kantonsarchäologe Beat Eberschweiler, der privat auch in Maur wohnt. «Es ist sogar denkbar, dass dafür Lindenhaine angelegt wurden, um immer genug Rohstoff zu haben.» Bast, der auch von der Weide oder Eiche stammen konnte, wurde für die Herstellung wärmender Kleidung verwendet, das weiss man spätestens seit dem berühmten Mumienfund Ötzi (gestorben in den Ötztaler Alpen zwischen 3359 und 3105 v. Chr.). «Der Mensch als nackter Affe musste die kulturelle Leistung erbringen, sich zu kleiden», rekapituliert Beat Eberschweiler. Der Bast wurde in Bahnen gerupft, die etwa einen halben Zentimeter breit sind.

Die Spezialisten fanden sogar aufgerollten Bastvorrat im Greifensee. Diverse mattenartige Fundstücke weisen darauf hin, dass das Interieur der steinzeitlichen Pfahlbausiedlung mit Textilien ausgestattet war. Es sind unterschiedliche, kreative Muster und Verbindungen zum Beispiel mit Schilf und Lindenbast zu erkennen. Für feinere Gewebe verwendeten die Pfahlbausiedler dünne Leinfasern, die teils mit Bast verwebt und verknotet wurden.

Entdecken die Taucher etwas, das sie für wichtig erachten, wird der Fund mit Plastikfolie unter Wasser gesichert und im Block mit dem umgebenden Schichtmaterial geborgen. Im Konservierungslabor wird dann vorsichtig Schicht um Schicht entfernt, das Freigelegte immer feucht gehalten und physikalisch-chemisch behandelt, um Verfall zu verhindern, und alles kühl gelagert. So können die Funde erhalten bleiben, die teilweise im Nationalmuseum landen werden, wo man auf solche Lagerung spezialisiert ist. Im Labor liegen jetzt noch weitere Sedimentsblöcke auf den Tischen der Kantonsarchäologen, die in den kommenden Tagen und Wochen bearbeitet werden.

 

Erhalten und bewahren

Eigentlich, denkt man insgeheim beim Betrachten der gut erhaltenen Gegenstände, wäre dies Grund genug, an der Schifflände in Maur ein Museum einzurichten und die Preziosen dort zu zeigen, wo sie gefunden wurden. Ganz sicher werden die Schätze nicht nur national, sondern auch international für Aufsehen sorgen

Es ist acht Jahre her, dass man in Armenien den bis anhin ältesten Schuh der Welt fand, er wurde auf 3500 v. Chr. datiert und ist aus Leder. Es gibt ausserdem noch ein paar weitere Schichten im Greifensee, die man freilegen möchte. Dafür wurde die Ausgrabung auf (vorläufig) Ende Juni 2018 verlängert. «Die Ausgrabungen sind Vorbereitungen für konservierende Massnahmen», sagt Adrian Huber, «Das Kursschiff ‹Stadt Uster› sorgt mit seinem Heckmotor für eine Erosionsrinne, die immer tiefer wird. Um die steinzeitlichen Anlagen grad beim Anleger an der Schifflände zu schützen, müssen wir sie irgendwann mit Kies und Planen unter Wasser abdecken.» Oder weitersuchen. Denn bisher waren in ganz Europa nur zehn solcher Schuhfunde aus derselben Epoche bekannt. Der Fund in Maur und die bis heute 93 zutage geförderten Textilfragmente stellen deswegen eine Sensation dar.

So zeigen die Zürcher Archäologen Stolz und grosse Freude über deneinzigartigen Erfolg. Beat Eberschweiler, der selbst bis vor 18 JahrenArchäologietaucher war, ist jedenfalls wild entschlossen, ebenfalls ins Wasserzu steigen und sich demnächst persönlich die Ausgrabung anzuschauen. Wirbleiben dran.

 

 

 

Bildunterschrift

 

Wahrliche Ur-Maurmer sind es, die diesenkunstvollen Flechtschuh (oben) aus Lindenbast vor rund 5000 Jahren hergestellthaben!
 
Bild: zVg

 

 

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