Wohnen im «Stöckli» - fast wie anno dazumal

Auf dem Bergerhof in der Wannwis wird eine Wohnung vermietet
Von Christoph Lehmann

 

«Wohnen im Stöckli eines Bauernhauses» – so lautete der Text eines Klein­inserats in der «Maurmer Post». Die Zeilen haben uns neugierig gemacht. So haben wir uns unter der angegebenen Telefonnummer gemeldet.

 

Vielen Lesern ist der Begriff «Stöckli» wohl nicht geläufig. Selbst der jetzige Mieter im Bergerhof, der bald zugunsten einer grösseren Wohnung auszieht, kann mit dem Begriff nichts anfangen. Obschon er schon seit Längerem darin wohnt

Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Emmental und bezeichnet bei Bauernhäusern die Wohnung, in welche ins Alter gekommene Bauern ­zogen, wenn die jüngere Generation den Hof übernahm. Während Jahrhunderten wohnten so in der Schweiz – typischerweise separiert vom eigentlichen Bauernhof – die pensionierten Landwirte neben ihren Kindern. In unserer Region ist dieses «Stöckli» meistens als Einliegerwohnung im Bauernhof integriert. Ein richtiges «Stöckli» hat meist keine Küche, da die nicht mehr so aktiven Eltern bei ihren Kindern in deren Küche zu speisen pflegten.

 

Beliebtes Objekt

Wir telefonieren also, neugierig auf dieses frei werdende Maurmer «Stöckli». Am anderen Ende der Leitung meldet sich Felix Berger vom gleichnamigen Bergerhof in der Wannwis. Kaum erstaunlich, denn so viele aktive Bauernbetriebe gibt es ja in unserer Gemeinde nicht. «Seit dem Tod des Grossvaters vor einiger Zeit vermieten wir diese separierte Wohnung», sagt Felix Berger. Seine Frau Nicole Berger fügt hinzu, dass dies natürlich immer Mieter waren, die sich durch den ­Betrieb eines Bauernhofs nicht irritieren liessen, ja dies vielleicht sogar suchten. «Die Laute der Tiere», lacht sie, «dürfen einen natürlich nicht stören.»

Auf das aktuelle Inserat, geben sie zur Auskunft, hätten sich im Nu fünf Interessenten gemeldet, welche bewusst das Landleben und die Landliebe suchten.

 

Besichtigung vor Ort

Ein Ortstermin in der Wohnung – ­leider sind davon keine Fotos möglich, weil der aktuelle Mieter am Ausziehen und alles ein bisschen verstellt ist – bestätigt die gängigen Vorstellungen: zwei Stockwerke mit viel Cachet, viel Holz, kleine Zimmer mit geringer Raumhöhe. Auch eine eigene Küche hat es. Darum herum ein schöner Bauernhof, die Wiesen, der Garten und ein Schwimmteich zur Verfügung

Doch der aktuelle Mieter winkt ab: «Da war ich vielleicht jeweils ein bisschen zu scheu oder diskret und habe dies alles nicht benützt.» «Aber du hättest jederzeit dürfen!», entgegnet Nicole Berger.

Wer weiss, vielleicht wird die neue Mieterin regen Gebrauch davon machen? Wohnen all-in, in einer sehr speziellen Form. Den Bewohner eines solchen «Stöckli» muss dabei nicht unbedingt das Gefühl beschleichen, ins Altenteil versetzt worden zu sein.

Landwirte haben übrigens im landwirtschaftlichen Baurecht eine Zusicherung, eine solche Wohnung auch bei einem Neubau eines Betriebs zu erstellen. Über all die Jahrzehnte hat sich so mancher Bauernhof gewandelt und vermutlich ist auf diesem Weg da und dort eine weitere Wohnung entstanden – in Maur allerdings dürften solche «Stöckli-Wohnungen» an zwei Händen abzuzählen sein.


 Bildunterschrift:

Das «Stöckli» im Bergerhof in der Wannwis.

Bild: Christoph Lehmann

zurück - Druckversion