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Der Velo-Tüftler

Autos, Velos, Flugzeuge: Der Binzmer Mechaniker Claudio Passini kann alles reparieren
Von Dörte Welti

Ist Ihnen auch schon mal der distinguierte Herr auf dem Hochrad aufgefallen, der ab und zu im historischen Tenue um den Greifensee radelt? Claudio Passini ist Mechaniker und hat eine Faszination für allerlei Räder, die sich drehen und bewegen.

 

Um schon zu Beginn eine Annahme richtigzustellen: Das Hochrad ist kein altes, Claudio Passini hat es eigenhändig gebaut. «Fahrräder und Motorräder haben mich schon immer fasziniert», erklärt der 57-jährige Binzmer, dereinst in Aesch aufgewachsen.

Er kann sich noch gut erinnern, wie er als Teenager mit seinen Freunden in einer der drei damals noch offenen Deponien oben an der Chalen derangierte Kreidler herausgezogen und wieder gangbar gemacht habe, die Kiesgrube sei ein hervorragender Ort zum Crossfahren gewesen. Dennoch lernte er zuerst Automechaniker, bevor er in Witikon ein Velogeschäft eröffnete und es 10 Jahre lang erfolgreich betrieb.

Fahrradfahren war aber immer schon nicht nur Business und Leidenschaft, sondern auch Sport für Claudio Passini: 16 Jahre lang fuhr er aktiv Radquer, für Nichtvelofahrer wäre das am besten mit «querfeldein» zu übersetzen; die Sportler absolvieren einen Parcours durch Schlamm, Matsch und unwegsames Gelände. Aus dem Automech und Velomech wurde dank Zusatzausbildung ein Flugzeugmech. 20 Jahre arbeitete Claudio Passini ­danach bei der Swissair und später der SR Technics, einer Schweizer Firma, die weltweit Flugzeuge wartet.

 

Pläne selbst gezeichnet

Zu seinem 50. Geburtstag wollte er sich etwas ganz besonderes gönnen: ein Hochrad. «Mich fasziniert das Handwerk», erklärt Passini seine Suche. Anfänglich sei er an einen Betrüger geraten, der ihm eine Replica anbot und sie dann nicht lieferte. Der Mechaniker Passini fackelte nicht lange und begann damit sein Hochrad halt selbst zu bauen. «Die Materialbeschaffung war das Schwerste», rekapituliert er, «ich musste konische Rohre in Kleinserie finden für die Gabel, habe die Gussformen für die Naben hergestellt und sie aus Messing selbst gegossen.» Die Pläne für das Eingangrad ohne Bremse hat er natürlich auch selbst gezeichnet.

 

Auf Augenhöhe mit den Reitern

Kleine Fachkunde: Hochräder wurden von 1870 bis 1892 vor allem in England, in Coventry, gebaut. Sie lösten die bis dahin populäre tretkurbelbetriebene Michauline ab, ein hölzernes Ungetüm mit zwei fast gleich grossen riesigen Rädern. Das Hochrad wurde vor allem bei jungen Herren beliebt, weil es sie auf Augenhöhe mit aristokratischen Reitern brachte. Sturzgefahr, das mühsame Auf- und Absteigen und eine Wirtschaftskrise liessen das Hochrad praktisch sterben, sogenannte Sicherheitsräder mit kleinerem Vorderrad nahmen den Platz ein.

 

Immer im Schwung

Claudio Passini bestätigt, das Auf- und Absteigen sei mühsam, allerdings sieht es sehr flink und sicher aus, wie er sich da über den hinteren Tritt auf das mannshohe Teil schwingt und elegant abdüst. «Das Rad geht über alle Unebenheiten», beantwortet der Velofahrer die Frage nach dem Fahrverhalten, «deswegen auch das Rad mit gros­sem Durchmesser und Hartgummireifen. Man brauchte im 19. Jahrhundert etwas, das die durch Kutschen und Karren ausgeschlagenen Wege bewältigen konnte.»

Das Tenue im Stil eines Velofahrers aus der damaligen Zeit hat sich Claudio Passini gekauft. Es macht ihm Spass, das komplette Bild abzugeben. Vielleicht zwei Mal im Monat begibt er sich auf Tour, lädt das Hochrad in sein Auto und fährt um den Greifensee. «Grössere Steigungen fahren ist unmöglich mit dem Hochrad», sagt Claudio Passini und gleitet leichtfüssig genau so wieder herunter, wie er raufgeklettert ist.

 

Taxi-Tänzer

Er muss jetzt los, nicht mit dem Velo, sondern perAuto zu einer Tanzveranstaltung. Claudio Passini, inzwischen bei einer amerikanischenDieselmotorenfirma beschäftigt, bewegt noch mehr als nur Technik und Motoren,er ist auch leidenschaftlicher Taxi-Tänzer und wird auf dem Parkett inVolketswil erwartet. Standard Latein. Selbstverständlich dem Anlassentsprechend angezogen.

 

Bildunterschrift:

Sein Hochrad hat Claudio Passini selbst entworfen und gebaut.       Bild: Dörte Welti

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