Rubrik: News

«Wir sind nie stehengeblieben»

30 Jahre Zweirad-Center Boller - heute ein Familienbetrieb
Von Dörte Welti

 

Wenn etwas zwei Räder hat und nicht läuft, ist es ein Fall für den Mechaniker Ruedi Boller. Seit 30 Jahren kümmert er sich um Zweiräder, ob mit oder ohne Motor, elektrisch oder sonstwie angetrieben. Eine ereignisreiche Firmen- und Familiengeschichte.

 

Ruedi Boller für ein Gespräch festzunageln, ist keine leichte Aufgabe. Solange ein kaputter Töff in der Werkstatt steht, ist er beschäftigt. Und da es deren immer viele gibt, hat der 57-Jährige halt nicht vörig Zeit, sich einfach mal zum Reden hinzusetzen. Die einen mögen es Unrast nennen. Die anderen wissen, dass Boller einfach ein fleissiger Typ ist, der sich sein Business mit Disziplin und Leidenschaft aufgebaut hat.

 

Chance auf Selbständigkeit

In Uessikon geboren, macht Ruedi Boller bei Alfred Farni Velo Motos seine Lehre als Mechaniker. Für Velos und Töffs, das war damals noch kein getrennter Beruf. Der Uessiker Boller fährt Seitenwagen-Motocrossrennen in seiner Freizeit, fünf aktive Jahre zwischen 1982 und 1987, anfänglich noch mit dem Schreiner Vollenweider als Passagier. Mit 27 geht der emsige Rennfahrer und Mechaniker aber über die Bücher: Boller, der sogar in der Freizeit noch die Velos der Firma aus der Scheune hervorgezogen, sie geputzt und geflickt und revidiert hat, sieht seine Chance auf Selbständigkeit. Er findet mit Alfred Farni einen Weg, den Plan zu finanzieren, und übernimmt das Geschäft. Innert kurzer Zeit passieren mehrere Dinge gleichzeitig, wegweisend das positive Ereignis mit der Geburt des ersten Sohnes Fabian 1989, aber auch ein schwerer Unfall. Nicht auf der Rennstrecke, sondern im Dorf übersieht eine PW-Lenkerin den heranfahrenden Boller auf dem Töff und schneidet ihm den Weg ab. Drei gebrochene Rückenwirbel legen den gestandene Mann erst einmal flach, im Geschäft kann vorübergehend Claudio Passini einspringen, Bollers Weggefährte und Mitstreiter, schon früher in der Schul- und Lehrzeit verbrachten sie bei so manch durchschraubtem Wochenende viel gemeinsame Zeit in der Werkstatt (genau, der Passini mit dem Hochrad aus der MP vom 28.9.).

 

Erstens kommt es anders

Eigentlich wollte Boller in Witikon eine Filiale aufmachen, aber der Unfall vereitelt diesen Plan. Passini übernimmt stattdessen gleichzeitig das Geschäft. Ruedi Boller steht nach nur sechs Wochen (1 Monat Spital, dann Operation, dann 14 Tage Ruhe...) mit einem Korsett geschützt wieder in der Werkstatt und arbeitet weiter. «Wir sind nie stehengeblieben», fasst Ruedi Boller seine Grundeinstellung zusammen, «mein Ziel war, das grösste Zweirad-Center im Oberland zu werden.» Er schuftet sieben Tage die Woche, hier draussen auf der Forch kann man rund um die Uhr arbeiten, es stört niemanden. Derweil wächst die Familie: Nach Fabian kommt noch Sohn Marco auf die Welt, 1995 folgt die Tochter Cécile.

Das 2-Rad-Center Boller hat in den 1990er-Jahren diestolze Zahl von neun Motorradmarken-Vertretungen. «Irgendwann fingen dann dieAuflagen an», erzählt Boller weiter, «die einzelnen Hersteller wollten mehrShowroom-Fläche, man sollte umbauen und ihre Markenwelt komplett integrieren.»Allein bei Boller auf der Forch ist der Platz begrenzt und es ist ihm zu vielGetue. Töff- und Velo-Service ist das Kerngeschäft plus Verkäufe natürlich,aber ohne viel Chichi. Also baut Boller die Vertretungen wieder ab, gibt dasVelobusiness an einen seiner ehemaligen Lehrlinge. Der führt das Geschäft inder Folge elf Jahre lang erfolgreich. Seit 2017 sind die Velos und E-Bikesallerdings auch wieder unter dem Boller-Dach.

 

Rivalen auf der Rennbahn

Die Leidenschaft zum Zweirad haben alle drei Kids geerbt, am aktivsten im Motorsport war bisher Marco Boller, der Mittlere. Wo gehobelt wird, fallen Späne, Marco hat gerade den dritten schweren Unfall seiner Karriere erlebt, wieder «nur» mit Knochenbrüchen und Prellungen, war es letztes Mal das Bein, ist jetzt der Arm eingebunden. Die vielen Pokale im Büro zeugen von vielen Erfolgen, von beiden Brüdern übrigens, Fabian und Marco fuhren anfangs auch mal gegeneinander. «Einmal sind wir sogar alle drei gegeneinander gefahren», rekapituliert Vater Boller. Ruedi Boller hatte 2009 nämlich nochmal die Kurve gekriegt und stieg wieder auf die Rennmaschine, weil es neu eine nationale Klasse gab und der fühlte er sich auch als Senior Driver gewachsen. Die Tochter Cécile wurde bei all dem Treiben nicht zur Rennfahrerin, allerdings hilft die junge Mutter im Geschäft bei der Administration und Buchführung, und macht somit das Viererteam Boller komplett.

Aus dem Einzelkämpfer Boller ist heute ein erfolgreiches Familienunternehmen und seit 2017 sogar ein eidgenössisch diplomierter Meisterbetrieb geworden. Im Geschäft sind die vier Bollers sowie zwei Lehrlinge und ein Pensionär, der mit seinem unschätzbaren Wissen zweimal die Woche zum Arbeiten in der Werkstatt kommt.

Vertretungen gibt es auch wieder, aktuell sind es neben dem meistverkauften Töff der Welt, der Royal Enfield aus Indien, noch Brixton, ­Lambretta und Kymco. Boller schaut auf die Uhr, er will wieder ran, die Töffs müssen fertig werden, die Saison ist bald zu Ende, die letzten schönen Tage zum Fahren angebrochen. Dann kommen viele Zweiräder ins Winterlager, ein Service, den Boller selbstverständlich auch anbietet. Im Gegensatz zu den Töffs macht er keinen Winterschlaf, die nächste Saison will vorbereitet sein. Es hört nie auf, Stillstand ist keine Option. Läuft.

 

 

 Bildunterschrift:

Die Firma Boller fast komplett, v.l.n.r.: Michelle Boller, die Frau von Marco Boller, der Leandro auf dem Arm hält, Ruedi Boller mit Luis auf dem Arm, Sohn von Tochter Cécile, und Fabian. Vorne: Die Lehrlinge – liebevoll «Spielgruppe» genannt – im 2. Lehrjahr Matthis Neuenschwander (17, aus Winkel) und Nick Berger (17).                                             Bild: Dörte Welti

zurück - Druckversion