Lenherrs letzte Fahrt

Verabschiedung von Ernst Lenherr als Schiffsführer der SGG
Von Dörte Welti

Ernst Lenherr war während 34 Jahren Schiffsführer auf dem Greifensee. Wir begleiteten ihn auf seiner letzten Fahrt am Steuer der «Stadt Uster».

 

Ernst Lenherr verlässt pünktlich um 9 Uhr seine Wohnung, wie jeden Morgen, wenn er Dienst am Schiffssteuer hat. Es ist kalt an diesem Dezembermorgen. Die Landschaft ist mit einem feinen weissen Kleid überzogen.

Bei der Schifflände Maur parkt Lenherr, betritt das Büro direkt am Hafen. Im Erdgeschoss befindet sich die Küche, wo die Speisen für die kulinarischen Fahrten der SGG produziert werden, im Obergeschoss der Aufenthaltsraum der Schiffsführer und des Servicepersonals. Lenherr öffnet seinen Spind, tauscht die warme Winterjacke gegen eine SGG-Strickjacke – die mit den drei breiten Streifen an der Schulter, das Abzeichen dafür, das er das B3-Patent hat und grosse Ausflugsschiffe auf dem Greifensee steuern darf.

Dann nimmt er die Kapitänsmütze heraus und setzt sie auf. Zum Schluss noch die warme Steppjacke in selbem maritimen Blau wie der Rest der Uniform. Jetzt die Schlüssel für das Schiff aus dem Schlüsselkasten fischen und rauf auf die «Stadt Uster». Es ist Zeit, das Motorschiff aufzuschliessen, in knapp einer Stunde kommen die Gäste an Bord, die sich am heutigen Sonntag für den letzten Brunch in diesem Jahr angemeldet haben.

 

Eine besondere Fahrt

Alfred «Fred» Vögeli, ebenfalls Schiffsführer der SGG, ist auch schon da, er hält die Schneeschaufel in der Hand und befreit die Wege und Stege zu den Schiffen vom Schnee. Mit der unvermeidlichen Krummen im Mundwinkel, seinem Seebären-Bart und dem gutmütigen Grinsen entspricht der Kapitän eins zu eins dem Bild, das man von einem Seefahrer hat. Die beiden Männer begrüssen sich, dies ist für beide ein besonderer Tag, denn auch für Vögeli wird es die letzte Fahrt im Amt des Kapitäns auf dem Flaggschiff der SGG sein.

Vögeli schippt noch den Weg zur «MS Heimat» frei, das Kursschiff, das selbstverständlich heute auch fährt, dort ist an jenem Tag fahrplanmässig Werner Wengi der Schiffsführer. Während die Crew der «Stadt Uster» das Buffet für den Brunch einrichtet, macht Lenherr das, was er die vergangenen 34 Jahre lang immer so gemacht hat: Alle Türen des Schiffes entriegeln, die Flagge am Heck hissen, den Wimpel am Bug aufziehen, alle Rettungsringe platzieren, die Kisten mit den Rettungswesten aufschliessen, im Motorraum den Ölstand des Schiffsmotors prüfen und zum Schluss alle Schalter für die Inbetriebnahme anschalten.

Alles wie immer und doch anders: An diesem Dezembertag fahren nicht sehr viele Gäste mit. Dafür sind aber von beiden scheidenden Schiffsführern die Familien fast komplett an Bord. Der Geschäftsführer der SGG, Michel Kauz, ist sowieso mit dabei, er ist schliesslich auch der Koch, und Allen Fuchs, Präsident der SGG, ist auch anwesend. Dazu noch Benno Hüppi vom Verwaltungsrat der SGG mitsamt Gattin – es ist ein denkwürdiger Anlass. Auch Wengi von der «MS Heimat» kommt noch schnell an Bord und wechselt ein paar Worte mit Ernst Lenherr. Dann ist es Zeit, die Passagiere sind komplett, der Brunch-Ausflug kann beginnen.

 

Eine Familienangelegenheit

Ernst Lenherr steuert das 95 Tonnen schwere Schiff elegant rückwärts aus dem Hafen, als wärs eine kleine Schaluppe. Kurz noch rübergesetzt nach Uster, um drei weitere Gäste aufzulesen, und dann geht es rund um den See.

Kann er sich noch an seine allererste Fahrt erinnern? «1984 war das», sinniert Ernst Lenherr, damals steuerte er die «Salomon Landolt». Die ist inzwischen verkauft, fährt auf dem Vierwaldstädtersee spazieren.

Schiffsführer der SGG zu sein, ist kein Haupt­erwerb, es ist ein Nebenjob, eine Leidenschaft. «Ich war Geschäftsführer der Kläranlage», rekapituliert Ernst Lenherr seinen Weg, «die Geschäftsführer kamen oft zu mir rüber und wir haben einen Kaffee zusammen getrunken.» Einer brachte dann den Bootsfan darauf, sich doch bei der Gemeinde zu erkundigen, ob sie etwas dagegen hätten, wenn er auch als Schiffsführer arbeiten würde. Hatten sie nicht. Lenherr machte die Prüfungen, «an einem Freitagvormittag die Theorie und grad am Nachmittag die praktische Prüfung», erinnert sich der Pensionär, «die SGG brauchte mich noch am selben Sonntag.» 1988 absolvierte er auch die Prüfung fürs Dampfschiff. 35 Jahre verbringt er insgesamt auf dem Greifensee, allmählich ist die ganze Familie involviert: Ernst Lenherrs Frau Ursula legte die B1-Prüfung ab und fährt bis heute das Kursschiff auf dem Greifensee, sie war sogar 12 Jahre lang Geschäftsführerin der SGG. Tochter Melanie Zenger hat ebenfalls die B1-Prüfung abgelegt und auf dem Schiff geholfen, heute führt die junge Mutter gemeinsam mit ihrem Mann Johann das Chalet-Hotel Schwarzwaldalp in Meiringen. Sohn Gilbert fand auch Gefallen am Familienleben auf See und bediente oft die Kasse an Bord.

 

Schiffsritual: Der «Schwanentanz»

Lenherr und Vögeli wechseln sich ab heute am Steuerrad. Jeder sitzt auch mal mit seiner Familie im Salon zusammen und geniesst den Brunch, am liebsten sind die beiden aber oben in der Schiffsführerkabine.

Viel zu schnell gehen die zwei Stunden vorüber. Bald ist es Zeit, die drei zugestiegenen Gäste wieder in Uster abzusetzen. Mitten auf dem See zwischen Uster und Maur drosselt Lenherr, der gerade wieder das Steuer in der Hand hat, jedoch die Fahrt. Ist etwas passiert? Der 73-Jährige schmunzelt: «Nein, aber gleich!» Er nimmt das Funkgerät, und fragt «Werni, wie siehts aus? Bist du parat?» Durch den Funk kommt ein Okay. Und dann gibt es ein Spektakel, das es noch nie auf dem Greifensee gegeben hat: Zwei Schiffe führen einen «Schwanentanz» vor. Das Kursschiff «MS Heimat» macht los von Maur, fährt zügig auf die grosse Schwester zu und beginnt, das Motorschiff zu umrunden. Lenherr führt derweil die Lady in einem sanften Dreh in dieselbe Richtung. Seite an Seite tanzen die Schiffe im Kreis. Beide Schiffe lassen die Hupen ertönen und kaum einer, der jetzt nicht emotional wird und der Grösse des Augenblicks gewahr.

Kauz, Fuchs und Hüppi, die Offiziellen des Anlasses, können ein Grinsen nicht unterdrücken. Die Aktion ist vielleicht nicht gerade regelkonform, so richtig verboten aber auch nicht und was solls, so was wie heute erlebt man schon nur einmal, man weiss schliesslich, wem man da Mann und Maus auf dem Schiff anvertraut hat – alles in sicherer Hand.

Am Ende der Fahrt gibt es noch Prosecco und man stösst auf die wunderschöne Fahrt an, bedankt sich bei den beiden Schiffsführern und natürlich wird man sich trotzdem noch öfters sehen: Ernst Lenherr wird das Dampfschiff «Greif» noch gelegentlich steuern. So ist es halt: Einmal Seefahrer, immer Seefahrer!

 

 

 

Bildunterschrift: 

Ein letztes Mal die Flagge hissen, ein letztes Mal den Wimpel am Bug aufziehen.                                 Bild: Dörte Welti

 

 

 

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