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Wenn Kinder nur noch auf den Bildschirm starren

Workshop zum Thema Medienkompetenz, organisiert vom Elternrat Ebmatingen
Von Dörte Welti

 

Im Takt mit der rasanten technischen Entwicklung müssen heutige Eltern sich immer öfter mit Fragen auseinandersetzen, auf die es wohl keine intuitiven Antworten gibt: Ab wann kann man ­einem Kind ein Handy anvertrauen? Wie stark sollten Eltern den Internet-Zugang regulieren? Sind Computerspiele wirklich so schädlich? Und ist mein Kind eventuell süchtig danach? Fachleute führten in Aesch kürzlich einen Workshop durch, organisiert vom Elternrat Ebmatingen. Sie gaben besorgten Eltern einige konkrete Empfehlungen mit auf den Weg.

 

Heutige Eltern haben das Aufkommen von Videospielen in ihrer Kindheit selbst erlebt. Und mögen sich vielleicht noch erinnern, wie sie selbst verbissen Tetris gespielt haben oder bei Super Mario um Levels gekämpft haben. Ein gewisses Verständnis für die Anziehungskraft solcher Spiele mag darum vorhanden sein. Aber was soll Beispielsweise dieser Kult um Fortnite, bei dem heutige Kids Raum und Zeit vergessen? Was wird hier eigentlich gespielt – im wahrsten Sinne des Wortes?

 

Psychologisch geschickt aufgebaut

An diesem Abend sitzen rund hundert Eltern im Singsaal der Schule Aesch, bereit, Neues dazuzulernen. Den Anlass organisiert haben Nadine Sauber und Odette Rechsteiner vom Elternrat Ebmatingen; zum Referat eingeladen haben sie die zwei Fachleute Claudia Gada und Joachim Zahn vom gemeinnützigen Verein zischtig.ch. Die beiden Experten besuchen öfters Schulklassen und vermitteln dort jungen «Usern» Wissen über Medienkompetenz und Sicherheit im Internet.

Den heute anwesenden Eltern empfehlen sie einen pragmatischen Ansatz im Umgang mit Games wie Fortnite: «Beschäftigen Sie sich auch mal selbst mit dem Spiel», fordern sie die Eltern auf. Es sei gut, selbst zu erfahren, worum es da eigentlich geht und wie schwierig es sei, damit aufzuhören. Das Spiel sei nämlich psychologisch extrem schlau aufgebaut, was man nur verstehen könne, wenn man es selbst erlebt habe. Verbieten oder den berühmten Stecker ziehen, sagen Gada und Zahn, sei keine Lösung, um ins Spiel versunkene Kids aus dem Cyberspace herauszulocken. Damit würden nur Aggressionen und Wut provoziert.

Viele der Anwesenden nicken bejahend. Offenbar hat fast jeder diese Erfahrung schon gemacht oder fürchtet sie zumindest... Joachim Zahn meint: «Legen Sie die Hand auf die Schulter des Kindes, um sich bemerkbar zu machen, fragen sie, in welchem Level das Kind ist oder welche Scores es bereits gemacht hat, schauen Sie ein wenig zu.» Dann solle man ankündigen, dass der Znacht demnächst fertig sei, und das Kind später zum Mitkommen auffordern.

Ob dieser geduldige Weg funktioniert, muss jeder selbst ausprobieren, ein Handout des Vereins schlägt noch diverse andere Lösungen für derlei Konfliktszenarien vor.

 

Wie oft, wie viel?

Natürlich können längst nicht alle Fragen an so einem 90-minütigen Vortrag besprochen werden. Die allgemeinen Ratschläge der Experten sind denn auch solche, die man eigentlich bereits kennt: mit den Kids vereinbaren, wie oft und wie viel sie mobile Gadgets nutzen dürfen. Empfehlungen hierzu gibt es ebenfalls: 6–9-Jährige sollten fünf Stunden pro Woche konsumieren dürfen, 10–12-Jährige zehn Stunden pro Woche. Dabei ist Computerzeit nicht eingerechnet, schliesslich verbringen die jungen Kinder ja schon Stunden an den Bildschirmen für die Schule und in der Schule.

Ein komplett undurchsichtiger Dschungel ist dabei jener der Apps. Es gibt hierbei solche, mit denen Eltern das Online-Verhalten ihrer Kids kontrollieren können. Die Experten raten, sich damit auseinanderzusetzen, man könne mit Anwendungen wie der «Familienfreigabe» (gibt es für Android und iPhone) Konten einrichten, mit deren Hilfe App-Käufe und -Downloads kontrolliert werden können, Websites wie app-geprüft.net würden bei der Suche nach kindergerechten Spielen helfen.

Frage nach dem Suchtpotenzial

Eine entscheidende Frage bewegte viele Fragende: «Wie erkenne ich, ob mein Kind süchtig ist?» Claudia Gada verwies auf die von ihnen erstellte HART-Formel: Ist das Kind «hungry», also hungrig nach Spielen? Wird es «angry», also wütend, wenn es nicht spielen darf, zeigt echte Entzugserscheinungen? Ist das Kind «lonely», zieht sich von Live-Kontakten zurück, spielt nicht mehr draussen, hat keine «realen» Freunde? Und ist das Kind permanent «tired», also müde, weil es nächtelang spielt?

Ein solches Szenario klingt nicht nur traurig, sondern auch nach einem Alltag, in dem Kinder völlig unbeaufsichtigt ihr Leben fristen. Aber offenbar kommen diese Zustände auch in den besten Familien häufiger vor, als man meint. Laut einer Studie von Daniel Süss, Professor für Mediensozialisation und Medienkompetenz, zeigen nämlich 12 Prozent der Kinder auf der Stufe 6. Klasse / 1. Oberstufe ein sogenannt risikohaftes Onlineverhalten, 9 Prozent sogar ein problematisches. Zusammengerechnet heisst das, dass jedes fünfte Kind zwischen 13 und 14 Jahren diesbezüglich Hilfe bekommen müsste.

 

Games auch als Kulturgut betrachten

Fazit nach 90 Minuten: Vieles wurde an diesem Abend verdeutlicht, Lösungen gibt es nicht wirklich, wenn man es nicht schafft, den Kindern einen vernünftigen Umgang mit den Medien so früh wie möglich beizubringen, und tagtäglich dafür sorgt, dass die Regeln eingehalten werden.

Auch zum Thema Datenschutz muss man Kindern die Risiken verdeutlichen. Aber bei allen Gefahren und Risiken solle dabei – last but not least – eine positive Grundhaltung in den Familienalltag Einzug halten. Das, was die Experten unter «gelingendem Gamen» verstehen: Abwechslung bieten, Kindern verschiedene Games anbieten und mit ihnen gemeinsam spielen. Also am Bildschirm. Die Welt der Onlinespiele gelte es als Kulturgut zu entdecken, das Stichwort «kreative Games» fiel ebenfalls – das sind Spiele, mit denen man virtuell bastelt, baut und malt.

Dass Eltern ansonsten ihrem Nachwuchs Vorbild sein sollten und ihr eigenes Handy-/Tabletverhalten überprüfen müssen und sich fragen sollten, wann genau sie das letzte Mal mit ihren Freunden – live – gejasst haben oder mit den Kindern durch den Wald gestreift sind, das sind Anmerkungen, die so oder sinngemäss ähnlich auf dem Handout vermerkt sind.

Besser wird’s nicht: Der Markt der Spiele, Apps und Streaming-Dienste boomt, es gibt manche, die setzen pro Tag 1,5 Millionen Dollar Online-Käufe im Spiel um. Unser Leben hat digitale Komponenten und wir müssen die Kinder dafür wappnen. Auf jeden Fall war der Workshop ein wichtiger Anlass, der ganz sicher alle Besucher zum Nachdenken angeregt hat.


 

«Ich will nur noch schnell dieses Level schaffen!» Vielen Kindern fällt es schwer, ihr Videospiel zu unterbrechen. Manche Games machen fast süchtig.               Bild: Adobe Stock

 

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