Das heutige Bijou im Zentrum von Maur war mal ein Schandfleck

Serie: Geklingelt im Bäckerrain Maur
Von Dörte Welti

 

«Eine Sauerei war das», sagt der heutige Besitzer Ueli Bosshardt. Und erzählt die bewegte Geschichte der vier Häuser im Bäckerrain von Maur, die einst Schmied Weber gehörten und unterschiedliche Bedürfnisse erfüllten. Bis sie verlotterten und den früheren Eigentümern fast über dem Kopf zusammenkrachten.

 

Der heutige Besitzer Ueli Bosshardt wohnte selbst nie im Bäckerrain. Aber es ist ein Herzensprojekt für den 79-Jährigen. Wie er erzählt, hatte er sich 1974 in Maur als Bauunternehmer selbständig gemacht. Und so, wie sich heute auch die Bürger der Gemeinde Maur ob des einen oder anderen verfallenen Objekts in den einzelnen Ortsteilen sorgen, genauso hielt es sich auch mit dem Besitz der Familie Weber: Vier Gebäude waren auf dem Grundstück am Bäckerrain errichtet worden. Ein Bauernhausteil (23), ein Stöckli, das ein Kälberhaus enthielt mit Latrine und Güllegrube, und eine Scheune für Tiere und Gerät, alle auf einer Seite des Weges. Auf der gegenüberliegenden das Gebäude, in dem die «Schmitte», die Schmiede, betrieben wurde.

Täglich fuhr man an der langsam verfallenden Liegenschaft vorbei, 1983 beschloss Bosshardt, der Erbengemeinschaft Weber alles zusammen abzukaufen. «Ich wollte etwas für die Nachwelt machen», begründet er. Worauf er sich einlassen würde, dessen war er sich bewusst: In sämtlichen Gebäuden waren die Fundamente und Kellermauern verfault, verdreckt von Humus und Unrat, das Gebälk gefährlich zermürbt und vermodert. Bosshardt, der schon einige Objekte saniert hatte in seinem Bauherrenleben, liess sich nicht abschrecken, wie er uns erzählt, wurde sich einig mit diversen Vertretern öffentlicher Organe. Der damals noch im Wohnhaus lebenden Frau Weber habe er das Gratis-Wohnrecht für das ganze Haus gewährt. Leider konnte sie es offenbar nicht lange geniessen: Die Frau hatte im Bett geraucht und starb bei einem selbst verursachten Schwelbrand.

 

Alte Taverne

Das Wohnhaus ist das einzige der vier Komplexe, das heute unter Denkmalschutz steht. Aus historischen Dokumenten bezüglich Tavernenrechte im Kanton Zürich ist belegt, dass schon das ursprüngliche, 1311 erbaute Haus auf demselben Grundstück ebensolches Recht zum Ausschank besass. Das Haus wurde im späten 18. Jahrhundert restauriert (ein Schild wurde entdeckt mit der Jahreszahl 1799) und ist bekannt als das alte Wirtshaus «Zum Löwen» in Maur.

Der «Löwen» musste nun von Ueli Bosshart komplett entkernt und originalgetreu wieder aufgebaut werden, die anderen drei Häuser konnten dem Erdboden gleich gemacht werden – jedoch unter der Voraussetzung, dass auch sie gemäss der ursprünglichen Optik neu errichtet würden. Zu der Zeit arbeitete man noch nicht am Computer. Der mittlerweile verstorbene Architekt Walter Bachmann, den Ueli Bosshardt mit der Planung der Neubauten betraut hatte, brauchte drei Monate, um alle Gebäude minutiös zu erfassen, Aufmas­se zu machen, die Lage jedes Details zu dokumentieren.

 

Die Bauleitung machte der Bauherr selbst, nach insgesamt vier Jahren Planungs-, Bewilligungs- und Bauzeit konnten die neuen Bewohner einziehen. Im Bauernhaus entstand ein 6-Zimmer-Haus, in der alten Scheune hat es drei Wohnungen mit je zweieinhalb Zimmern gegeben, das Stöckli ist eine eigenständige Wohneinheit geworden, alle Häuser sind unterkellert. Aus der alten Schmiede wurde ebenfalls ein schmuckes Mini-Einfamilienhaus. Mit den Aufräum-, Abbruch und den drei Neubauten gab es viele Überraschungen, viel mehr noch mit dem Bauernhaus. Dreck und Fäulnis hatten praktisch jeden Kubikzentimeter Masse durchdrungen und immer wieder stiess man auf die in Sanierungsfällen üblichen Probleme. So hatte man zum Beispiel erst gemeint, die beiden Kachelöfen im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss des Wohnhauses könnten belassen werden. Sie mussten jedoch zerlegt, saniert und wieder aufgebaut werden, wie Ueli Bosshardt erzählt. Nicht vergessen könne er die vielen schlaflosen Nächte und jahrelangen Sorgen, weil die Banken für die Überbauung keinen normalen Baukredit, sondern nur einen festen Vorschuss von 8 Prozent bewilligt hatten. Die massiven Kostenüberschreitungen bei allen Bauten, im Besonderen beim Bauernhausteil um 80 Prozent gegenüber dem Kostenvoranschlag, sprengten alle Vorstellungen. «Der Kubikpreis vom Bauernhaus wurde seitdem nie mehr erreicht.»

Auch die kantonale Denkmalpflege bereitete Kopfzerbrechen: Beim Bauernhaus wurde kein direkter Ausgang aus der Küche/Stube in den Garten bewilligt, erst Jahre später konnte der mit grossem Mehraufwand gebaut werden dank Einlenken eines neu ins Amt berufenen Denkmalpflegers. Sonnenstoren durfte es nie geben, weil das die Längsfassade verschandeln würde. Und ein Geräteraum an der Schmitte wurde erst nachträglich genehmigt.

 

Aufwertung der umliegenden Häuser

«Die leider nicht mehr unter uns weilenden Herren Gemeindepräsidenten waren immer des Lobes voll über das Bijou vom Bäckerrain, mit diesem wurden schliesslich alle umliegenden Häuser und Grundstücke aufgewertet», konstatiert Ueli Bosshardt nicht ohne Stolz. Seit 30 Jahren stehen die Gebäude jetzt und sehen alle aus wie neu, weil ständig Erhaltungsarbeiten, vor allem am alten Fachwerkhaus, unternommen werden. An die Schmiede erinnert nur noch ein Amboss, der vor dem Haus steht, ein Wirtshaus gibt es ebenfalls nicht mehr, das Tavernenrecht ist längst verfallen.

Gefragt, ob er sich im Nachhinein nochmals auf so einen «Fall» einlassen würde, hebt der Generalunternehmer und Immobilienbesitzer Bosshardt nur kurz die Augenbrauen: «Einer muss es machen, ich muss es machen.»

Keine Frage: Was er aus dem einstigen Schandfleck gemachthat, kann sich sehen lassen.

 

Bildunterschrift:

Das Wohnhaus am Bäckerrain (rechts) hat Baujahr 1311, im Erdgeschoss befand sich einst die «Wirtschaft zum Löwen». Heute steht das Haus unter Denkmalschutz. Daneben befinden sich die ehemalige Scheune und das Stöckli, auf der gegenüberliegenden Strassenseite die Schmitte.                Bild: Dörte Welti


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