Wohnen mitten im Verkehr

Geklingelt beim Haus an der Kreuzung in Binz
Von Dörte Welti

Das alte Haus bei der grossen Kreuzung in Binz steht so nah an der Strasse, dass die Autos und Busse den Hausbewohnern fast durch die Küche donnern. Andrea Cremona und ihr Bruder Christian Cremona leben dort.

 

Das Haus wurde 1892 von Albert Wunderli-Gallmann gebaut, schon damals direkt an der Strasse. Binz hatte im ausgehenden 19. Jahrhundert nur eine Handvoll Häuser, die Strasse war keine Durchgangsstrasse wie heute. Das Haus an der Zürichstrasse 208/210 erlebte eine geschäftige Zeit als «Restaurant zum Frohsinn», bis in den 1940er-Jahren der Ebmatinger Bauer und Transportunternehmer Hans Lang die Liegenschaft übernahm. Er machte Wohnungen daraus, die erst von zwei seiner Kinder mit ihren Familien bezogen wurden, später wohnte ein Teil seiner Angestellten dort. In den 1970er-Jahren übernahmen die Eltern von Andrea und Christian Cremona das Haus und renovierten es.

 

Versteckt: Der prachtvolle Garten

Heute bewohnen die Geschwister die beiden Wohnungen. Und das eigentliche Bijou ist der prachtvolle Garten, der sich hinter dem Haus auf mehreren Ebenen erstreckt, fast ein Park. Ein riesiger Kirschbaum steht darin, Andrea kann sich erinnern, dass der schon dastand, als sie noch Kind war. Und sie hat liebevoll eine Laube, Sitzplatz, Blumenbeete und eine Feuerstelle angelegt, der Bruder hält die Anlage in Schuss. «Ich habe im Laufe meines Lebens schon an vielen anderen Orten gewohnt», erzählt die 39-Jährige, «als die untere Wohnung dann frei wurde, bin ich zurückgekommen.»

Beim immensen Verkehr muss man sich fragen, wie angenehm es ist, in so einem exponierten Haus zu wohnen. «Ich habe mich an die Lage gewöhnt», sagt Andrea Cremona, «wir sind in diesem Haus aufgewachsen. Eigentlich ist es schön hier, der Garten ist ein Paradies, und es ist unser Elternhaus. Wir können allerdings nicht bei offenem Fenster schlafen, das ist definitiv zu laut, vor allem weil nachts oft genug irgendwelche Verrückten die Motoren aufdrehen, hupen, und keine Rücksicht nehmen.» Eine echte Herausforderung sei es auch, zu Fuss über die Strasse auf das gegenüberliegende Trottoir zu gelangen, auf ihrer Seite des Hauses gibt es nämlich keinen Gehweg. «Nebenan wohnen Kinder», wundert sich Andrea Cremona, «es ist saugefährlich für sie, hier über die Strasse zu müssen, um zur Schule zu gehen. Für mich früher war es nicht ganz so schlimm, der Verkehr war noch nicht so stark wie heute. Besonders heftig ist es jetzt mit den Baustellen», seufzt die Angestellte des Getränkemarktes in Maur.

Dass das Haus von aussen marode wirkt, ist ihr bewusst. «Wir haben neue dreifach verglaste Fenster, das hat die Belastung etwas verringert», erklärt die Lärmgeplagte, «aber nur an der Vorderseite und den beiden Seitenflächen. Jetzt steht noch an, die Holzläden irgendwann mal durch Aluläden zu ersetzen».

Eine so belastete Fassade bleibt jedoch eine Sisyphusarbeit, der Dreck von den Autos verschmutzt laufend die Hauswände. Wenn sie sich etwas wünschen könnte von der Gemeinde, dann, dass sie eine Lösung für den immer stärker werdenden Verkehr finden würde. Man baue unablässig in der Gemeinde, aber verdränge irgendwie, dass sich damit mehr Leute mit mehr Autos durch die engen Strassen schieben, meint Cremona.

 

Mehr Sicherheit für Fussgänger

Zumindest baut die Gemeinde derzeit auf der Höhe des Bautacherwegs (also direkt neben Cremonas Haus) einen Fussgängerübergang, mit Mittelinsel und Trottoirverbindung, damit die Sicherheit für die Fussgänger erhöht wird.

Punkto Lärm würde für Cremonas wohl eine Temporeduktion auf 30 im Umkreis der Lichtanlage zusätzliche Erleicherung schaffen. Und dann würde das Haus wohl auch seinem einstigen Namen Ehre machen – und könnte seinen Bewohnern wieder etwas mehr «Frohsinn» verschaffen.

 


 Bildunterschrift

Wer über das kleine Treppchen das Haus verlässt, steht schon fast auf der Strasse.                              Bilder: Dörte Welti

 

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