Immer dem Fluss und der Liebe nach

Angela Tuckley fuhr 730 Kilometer mit dem Velo - nur um nach Maur zu gelangen
Von Dörte Welti

Am Dienstag letzter Woche stand eine glücklich strahlende Angela Tuckley, 61, mit ihrem E-Bike an der Schifflände in Maur. 730 Kilometer lagen hinter ihr, gefahren in einer Woche. Warum macht man so was? Aus Liebe. Und zum Abschiednehmen.

 

Angela Tuckley ist die Szene am Wasser noch allgegenwärtig: «Mir standen wirklich die Tränen in den Augen!» Tränen der Erleichterung, aber auch Tränen des Glücks. Sie war 730 Kilometer mit dem E-Bike gefahren. Gestartet in Köln in Deutschland, eine Woche zuvor.

Die Story, die dahintersteckt, ist eine der späten ­Liebe. «Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt, dass ich mich nochmals verlieben könnte», erzählt Angela Tuckley, die 2009 ihren Mann und auch Vater der gemeinsamen Tochter verloren hatte. Mehr aus Langeweile und um es wenigstens versucht zu haben, stellte die gebürtige Engländerin ihr Bild auf eine Partnerbörse im Internet. Es tat sich nicht viel, einige Treffen waren enttäuschend verlaufen und die studierte Business-Englisch-Dozentin und Körpertherapeutin beschloss 2013, das Experiment zu beenden. Gerade als sie ihr Profil vom Netz nehmen wollte, fiel ihr ein Mann auf, ein Schweizer. Man traf sich das erste Mal persönlich in Köln, der Banker aus der Schweiz half der Freizeitkünstlerin Angela beim Bilderaufhängen für eine Ausstellung – seitdem sind sie unzertrennlich.

 

Ritual zum Abschiednehmen

2017 heiratete das Paar. «Uns war nach einer Fernbeziehung von fast sechs Jahren klar, dass ich nun in die Schweiz ziehe», erinnert sich Angela Tuckley, die ihren Namen nach der Hochzeit behielt. Aber nicht einfach so, Sachen packen und Tschüss. Angela, die sich auch viel mit Spiritualität beschäftigt, wusste, dass es für sie ein Ritual sein müsste, um wirklich von dem Ort Abschied zu nehmen, an dem sie glücklich gelebt und ihre Tochter grossgezogen hatte. «Köln hat einen langen Arm», beschreibt es die Neuzuzügerin, «ich war mit Anfang 20 mit dem Vorhaben nach Köln gereist, zwei Wochen zu bleiben. Es wurden 38 Jahre daraus. Dementsprechend wollte ich einen würdigen Auszug zelebrieren.» Sie war im flachen Köln schon immer viel mit dem Velo gefahren und irgendwie klang es logisch, zu sagen, «ich komme mit dem Fahrrad!». Dann ging alles sehr schnell: Wohnung vermietet, Möbel verkauft, Kleider und persönliche Sachen vorausgeschickt, Satteltaschen gepackt und los.

Die Route: der Rhein-Radweg. Rückwärts, also in Richtung Quelle. Ohne GPS, nur mit der Bikerkarte. «You have to follow the right river», habe ihr die Tochter noch mit auf den Weg gegeben, erklärt Angela lachend, sie solle dem richtigen Fluss folgen. «Ein paarmal bin ich dennoch falsch abgebogen», gibt sie zu, «dann habe ich einfach nach dem Weg gefragt.» Dass sie den grundsätzlich alleine machen wollte, stand immer fest, obwohl ihr Mann angeboten hatte, mit ihr zu fahren. «Ich brauchte dieses Ritual für mich», sagt sie.

Angela Tuckley schlief in Hotels, die am Weg lagen, und gönnte sich am Ende der Reise von Eglisau ein paar Stationen S-Bahn nach Uster, weil es «cats and dogs» regnete. Von Uster fuhr sie dann zur Schifflände, dem vereinbarten Treffpunkt. Natürlich war sie schon oft vorher in der Wohnung ihres Angetrauten in Maur gewesen, aber sie wollte es einfach so. Sie weiss überhaupt sehr genau, was sie will.

Und das ist jetzt: richtig ankommen, den leicht strapazierten Körper pflegen und dann sich einleben. Am meisten überrascht habe sie selbst, dass sie durchgehalten habe. «Ich habe nicht gewusst, dass ich so einen Ehrgeiz habe», sagt Angela und schaut selbst ein wenig ungläubig auf die Karte, die immer noch ausgebreitet auf dem Wohnzimmerfussboden liegt. «Electra», ihr Fahrrad, steht derweil in der Garage, tankt neuen Strom, bereit für kleine Ausflüge. «Vielleicht fahren wir gemeinsam nach Andermatt», sinniert Angela, da läge schliesslich der Anfang des Rheins, an dem sie so viele Kilometer entlanggefahren ist. Eines von vielen Vorhaben in der Zukunft des jungvermählten Paares.

 

 Bildunterschrift:


Gerade frisch angekommen: Angela Tuckley an der Schifflände in Maur, nach sieben Tagen auf dem Velo.         Bild: zVg

 


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